Kreuzbandrekonstruktion bei vorderem Kreuzbandriss
Wie ich eine Kreuzbandrekonstruktion typischerweise durchführe — anatomisch, arthroskopisch und an Befund, Begleitverletzungen und sportliches Ziel angepasst.
Bei einer Kreuzbandrekonstruktion wird das gerissene vordere Kreuzband durch ein körpereigenes Sehnentransplantat ersetzt. Mein Standardvorgehen ist eine anatomische Rekonstruktion mit Hamstring-Sehne, meist Semitendinosus, bei Bedarf ergänzt durch Gracilis. Bei jungen oder sehr aktiven Patienten kann zusätzlich eine laterale extraartikuläre Tenodese (LET) geprüft werden. Die genaue Technik wird immer individuell angepasst.
Wann wird eine Kreuzbandrekonstruktion erwogen?
Eine Operation wird nicht allein wegen eines MRT-Befundes entschieden. Entscheidend sind Instabilität, Aktivitätsniveau, Begleitverletzungen, Sportziel und der klinische Untersuchungsbefund.
- Wiederholtes Wegknicken oder subjektive Instabilität
- Wunsch nach Rückkehr zu Richtungswechsel- oder Kontaktsportarten
- Relevante Meniskusverletzungen, z. B. instabiler Riss, Ramp-Läsion oder Wurzelverletzung
- Junge und sportlich aktive Patienten mit funktioneller Instabilität
- Versagen einer strukturierten konservativen Therapie
Nicht jeder Kreuzbandriss muss operiert werden. Bei geringem Instabilitätsgefühl, niedrigem sportlichem Anspruch oder guter muskulärer Kontrolle kann eine konservative Behandlung sinnvoll sein. Welche Faktoren für die Entscheidung wichtig sind, erkläre ich ausführlich auf der Seite zum vorderen Kreuzbandriss (Diagnose & Entscheidung).
Mein operatives Vorgehen bei der Kreuzbandrekonstruktion
Die Operation erfolgt arthroskopisch, also über kleine Zugänge mit Kamera. Ziel ist eine anatomische Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes: Das Transplantat soll möglichst nahe an der ursprünglichen Ansatzstelle des Kreuzbandes im Oberschenkelknochen und Schienbein platziert werden.
- 1Entnahme der Semitendinosus-Sehne an der Innenseite des Unterschenkels.
- 2Bei Bedarf zusätzliche Entnahme der Gracilis-Sehne, wenn für das Transplantat mehr Länge oder Durchmesser benötigt wird.
- 3Arthroskopische Kontrolle des Kniegelenks mit Beurteilung von Meniskus, Knorpel und Begleitverletzungen.
- 4Anatomische femorale Socket-Anlage über das anteromediale Portal.
- 5Anatomische tibiale Tunnelanlage im Bereich des ursprünglichen Kreuzbandansatzes.
- 6Femorale Fixation mit kortikaler Button-Fixation (häufig als Endobutton-Prinzip bezeichnet).
- 7Tibiale Fixation mit Interferenzschraube.
- 8Bei geeigneter Risikokonstellation zusätzliche laterale Stabilisierung mittels LET.
Diese Beschreibung erklärt das typische Vorgehen. Die genaue Technik wird immer an Anatomie, Begleitverletzungen, Transplantatqualität und sportliches Ziel angepasst.
Transplantat: Semitendinosus, bei Bedarf mit Gracilis
Für die primäre Kreuzbandrekonstruktion verwende ich in der Regel ein körpereigenes Hamstring-Transplantat. Meist wird die Semitendinosus-Sehne verwendet. Wenn die Sehne nicht ausreichend lang oder dick ist, kann zusätzlich die Gracilis-Sehne verwendet werden, um ein stabiles Transplantat vorzubereiten.
- Körpereigenes Gewebe
- Keine Entnahme aus der Patellarsehne
- Meist weniger Beschwerden beim Knien als nach Patellarsehnenentnahme
- Gute Option für viele sportlich aktive Patienten
| Transplantat | Möglicher Vorteil | Mögliche Nachteile |
|---|---|---|
| Semitendinosus ± Gracilis | Kleine Entnahmestelle, keine Patellarsehnenentnahme | Mögliche vorübergehende Hamstring-Schwäche |
| Patellarsehne | Lange bewährtes Transplantat, knöcherne Fixation | Häufiger vordere Knieschmerzen oder Beschwerden beim Knien |
| Quadrizepssehne | Kräftiges Transplantat, häufig gute Option bei Revision | Größere Entnahmestelle, individuelle Indikation |
Die Transplantatwahl bleibt individuell. Bei Revisionen, speziellen Sportarten, Voroperationen oder besonderer Anatomie können andere Transplantate sinnvoll sein.
Anatomische Tunnelposition
Ein wichtiger Teil der Operation ist die genaue Positionierung des Transplantats. Die femorale Socket wird über das anteromediale Portal angelegt, um die Ansatzstelle am Oberschenkelknochen anatomisch zu erreichen. Der tibiale Tunnel wird ebenfalls im Bereich des ursprünglichen Kreuzbandansatzes angelegt. Die anatomische Platzierung ist wichtig, weil das neue Kreuzband nicht nur eine Vorwärtsbewegung des Schienbeins, sondern auch die Rotationsstabilität des Knies kontrollieren soll.
Fixation des Transplantats
Das Transplantat wird am Oberschenkelknochen mit einer kortikalen Button-Fixation fixiert. Dieses Prinzip wird häufig als Endobutton-Fixation bezeichnet. Am Schienbein erfolgt die Fixation mit einer Interferenzschraube. Die Fixation muss stabil genug sein, damit eine frühe Rehabilitation möglich ist. Gleichzeitig braucht das Transplantat Zeit, um biologisch in die Knochenkanäle einzuwachsen.
Zusätzliche laterale Stabilisierung (LET) bei erhöhtem Risiko
Bei jungen oder sehr aktiven Patienten, insbesondere bei Pivoting-Sportarten, ausgeprägter Rotationsinstabilität oder erhöhtem Re-Ruptur-Risiko, kann zusätzlich zur Kreuzbandrekonstruktion eine laterale extraartikuläre Tenodese (LET) sinnvoll sein.
Dabei wird ein schmaler Streifen des Tractus iliotibialis verwendet und an der Außenseite des Oberschenkelknochens fixiert. In meinem Vorgehen erfolgt die femorale Fixation mit einem knotless anchor. Ziel ist eine zusätzliche Kontrolle der Rotationsinstabilität.
Wichtig: Eine LET ist keine Standardmaßnahme für jeden Kreuzbandriss. Sie wird individuell geprüft — abhängig von Alter, Sportart, Pivot-Shift, Laxität, Begleitverletzungen, Revisionsstatus und Patientenziel.
Meniskus und Begleitverletzungen werden mitbeurteilt
Ein Kreuzbandriss tritt häufig nicht isoliert auf. Deshalb werden während der Operation Meniskus, Knorpel, Seitenbänder und die Stabilität des Knies mitbeurteilt. Instabile Meniskusrisse werden nach Möglichkeit erhalten und genäht. Bei bestimmten Verletzungsmustern, etwa Ramp-Läsionen oder Wurzelverletzungen, kann die Behandlung des Meniskus entscheidend für die langfristige Stabilität des Knies sein.
Ablauf der Operation
Die Operation dauert je nach Befund meist etwa 60 bis 90 Minuten. Bei zusätzlicher Meniskusnaht oder LET kann sie länger dauern. Ob der Eingriff ambulant oder mit einer Übernachtung durchgeführt wird, hängt von Befund, Begleiteingriffen, Schmerztherapie und organisatorischen Faktoren ab.
Dauer
Etwa 60–90 Minuten
Anästhesie
Vollnarkose oder Spinalanästhesie
Zugang
Arthroskopisch, minimal-invasiv
Aufenthalt
Ambulant oder 1 Nacht stationär
Rehabilitation nach Kreuzbandrekonstruktion
Die Rehabilitation erfolgt stufenweise. Zeitangaben sind nur grobe Orientierung; wichtiger sind Schwellung, Beweglichkeit, Kraft, Kontrolle und Belastbarkeit.
0–2 Wochen
Wundheilung, Abschwellen, volle Streckung, sicheres Gangbild, frühe Physiotherapie.
2–6 Wochen
Beweglichkeit, Muskelaktivierung, Gangbild, alltagsnahe Belastung. Die Vorgaben hängen davon ab, ob zusätzlich ein Meniskus genäht wurde.
6 Wochen – 3 Monate
Aufbau von Kraft, Koordination und Stabilität. Radfahren und kontrollierte Übungen werden schrittweise gesteigert.
3–6 Monate
Laufaufbau, Krafttraining und neuromuskuläre Kontrolle, sofern Beweglichkeit, Kraft und Schwellung dies zulassen.
6–12 Monate
Sportartspezifischer Aufbau. Rückkehr zu Pivoting- oder Kontaktsport erst nach klinischer Kontrolle, Kraft- und Funktionstests sowie sportartspezifischer Belastbarkeit.
Risiken und realistische Erwartungen
Mögliche Komplikationen
- Erneuter Riss des Transplantats (Re-Ruptur) — das Risiko hängt von Alter, Sportart, Begleitverletzungen, Transplantat und Rehabilitation ab
- Bewegungseinschränkung oder Arthrofibrose, vor allem bei verzögerter Mobilisation
- Infektion (Risiko wie bei anderen Knieoperationen, abhängig von Wundheilung und Begleiterkrankungen)
- Thrombose oder Embolie (medikamentöse Prophylaxe wird angepasst)
- Beschwerden an der Entnahmestelle der Sehne, meist vorübergehend
- Verbleibende Instabilität, insbesondere bei nicht behandelten Begleitverletzungen
Was kann die Operation erreichen?
Ziel der Kreuzbandrekonstruktion ist ein stabiles Knie im Alltag und bei sportlicher Belastung. Viele Patienten können nach strukturierter Rehabilitation wieder zu sportlichen Aktivitäten zurückkehren. Das Ergebnis hängt jedoch von Begleitverletzungen, Transplantat, Reha, neuromuskulärer Kontrolle und Sportart ab. Eine zusätzliche LET kann bei ausgewählten Risikokonstellationen das Risiko einer erneuten Instabilität senken. Ob dies sinnvoll ist, wird individuell entschieden.
Häufig gestellte Fragen
Welche Sehne verwenden Sie für die Kreuzbandrekonstruktion?
In der Regel verwende ich ein körpereigenes Hamstring-Transplantat, meist die Semitendinosus-Sehne. Wenn mehr Länge oder Durchmesser benötigt wird, kann zusätzlich die Gracilis-Sehne verwendet werden.
Warum wird manchmal eine LET zusätzlich gemacht?
Eine LET kann bei erhöhtem Risiko für erneute Rotationsinstabilität sinnvoll sein, zum Beispiel bei jungen Pivoting-Sportlern, ausgeprägtem Pivot-Shift, hoher Laxität oder Revisionen. Sie ist keine Standardmaßnahme für jeden Kreuzbandriss.
Wird der Meniskus während der Operation mitbehandelt?
Ja, Meniskus und Knorpel werden arthroskopisch mitbeurteilt. Instabile Meniskusrisse werden, wenn möglich und sinnvoll, erhalten und genäht.
Wann kann ich wieder Sport treiben?
Das hängt nicht nur von der Zeit ab. Entscheidend sind Beweglichkeit, Schwellung, Kraft, neuromuskuläre Kontrolle und sportartspezifische Tests. Pivoting- und Kontaktsportarten werden meist erst nach einer längeren, kriteriumsorientierten Rehabilitation freigegeben.
Muss ein Kreuzbandriss immer operiert werden?
Nein. Bei geringem Instabilitätsgefühl, niedrigem sportlichem Anspruch oder guter muskulärer Kontrolle kann eine konservative Behandlung sinnvoll sein. Die Entscheidung richtet sich nach Instabilität, Aktivitätsniveau, Begleitverletzungen und persönlichem Ziel.
Ist diese Technik auch für Kinder geeignet?
Bei Kindern und Jugendlichen mit offenen Wachstumsfugen gelten besondere Regeln. Die Operation muss so geplant werden, dass die Wachstumsfugen geschützt werden. Dieses Thema wird gesondert besprochen.
Medizinisch erstellt und geprüft von Robin Van den Broecke, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2026
Kurz zusammengefasst
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Adresse:Eifelklinik St. Brigida GmbH & Co. KG, Zentrum für Orthopädische Chirurgie, Kammerbruchstraße 8, 52152 Simmerath
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